HWB ■ Dass unser Gehör weit mehr ist als ein Sinnesorgan, wird in der Forschung immer deutlicher. Gutes Hören spielt eine zentrale Rolle für Kommunikation, soziale Teilhabe – und offenbar auch für die geistige Gesundheit. In den letzten Jahren haben Studien gezeigt, dass unbehandelter Hörverlust mit einem erhöhten Risiko für Demenz verbunden ist. Doch was kann man konkret tun?

Hörverlust als beeinflussbarer Risikofaktor
Zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten zeigen, dass unbehandelter Hörverlust bei älteren Erwachsenen mit schlechteren kognitiven Leistungen und einem erhöhten Risiko für Demenz einhergeht. Eine systematische Auswertung mehrerer Studien ergab, dass Menschen mit Hörverlust im Vergleich zu normal hörenden Personen signifikant schlechter bei Gedächtnis-, Konzentrations- und Denktests abschnitten.
Auch grosse Langzeitbeobachtungen liefern deutliche Hinweise darauf, wie stark unbehandelter Hörverlust das Risiko für Demenz erhöhen kann. So zeigte etwa eine der bekannten US-Studien über mehrere Jahre hinweg, dass ältere Menschen mit unbehandeltem Hörverlust im Vergleich zu Gleichaltrigen ohne Hörprobleme deutlich häufiger kognitive Einschränkungen entwickelten. Konkret: Wer nur noch teilweise hören konnte, hatte ein um etwa 30–40 % höheres Risiko, Zeichen von Demenz zu zeigen – während diejenigen, die rechtzeitig Hörgeräte nutzten, dieses Risiko deutlich senken konnten.
Man kann sich das bildlich vorstellen: Wenn man auf einer Familienfeier die Gespräche kaum noch versteht, zieht man sich oft zurück. Man hört weniger, lacht weniger, beteiligt sich seltener an Unterhaltungen. Das Gehirn bekommt dadurch weniger stimulierende Reize, und langfristig kann dies die geistige Fitness beeinträchtigen. Wer jedoch ein Hörgerät trägt, kann aktiv am Gespräch teilnehmen, auf Kommentare reagieren, Witze verstehen – das Gehirn bleibt gefordert, aber nicht überlastet. Studien zeigen, dass genau diese Art der ständigen, aber angemessenen Stimulation einen messbaren Schutz gegen kognitiven Abbau darstellen kann. Ein weiteres Beispiel: In Alltagssituationen wie beim Einkaufen, Telefonieren oder bei Arztbesuchen werden Menschen mit unbehandeltem Hörverlust oft mit Herausforderungen konfrontiert, die zu Frust, Stress und Isolation führen können. Wer Hörgeräte nutzt, kann diese Situationen wieder selbstbewusst meistern. So bleiben soziale Kontakte und die geistige Aktivität erhalten – zwei Faktoren, die laut Forschung entscheidend sind, um das Risiko für Demenz zu reduzieren.
„Hörverlust im mittleren und höheren Lebensalter ist einer der größten potenziell beeinflussbaren Risikofaktoren für Demenz.“
— Prof. Dr. Gill Livingston, University College London (Lancet-Kommission)

Hörgeräte: Ein wichtiger Baustein
Moderne Hörgeräte tun mehr, als einfach Töne zu verstärken. Sie verbessern die Sprachverständlichkeit, erleichtern das Verstehen in komplexen Hörsituationen und entlasten die kognitiven Ressourcen des Gehirns. Das hat gleich mehrere positive Effekte:
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besseres Verstehen von Sprache
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weniger geistige Anstrengung beim Zuhören
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höhere Lebensqualität
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mehr soziale Teilhabe
Gross angelegte klinische Beobachtungen zeigen zudem, dass Personen mit Hörhilfen im Durchschnitt ein niedrigeres Risiko für kognitive Verschlechterung haben als Personen mit unbehandeltem Hörverlust.
Hörtraining: Gehirn und Hören gemeinsam stärken
Neben Hörgeräten gewinnt auch das Hörtraining an Bedeutung – insbesondere computergestützte Programme, die sowohl auditive als auch kognitive Fähigkeiten schulen.
Ein aktueller Pilotversuch untersuchte die Wirkung eines individualisierten, computerbasierten Hör- und Denktrainings (CCAT) bei Menschen mit Hörverlust, die noch keine Hörgeräte trugen. Teilnehmende absolvierten 40 Sitzungen zuhause mit gezielten Hör- und Konzentrationsübungen. Die Ergebnisse zeigten:
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deutliche Verbesserungen bei Lern- und Gedächtnisleistungen
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signifikante Steigerungen der Konzentrationsfähigkeit
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weniger subjektive Anstrengung beim Zuhören
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reduzierte Hörprobleme im Alltag
Diese Effekte wurden gemessen, obwohl sich die Sprachverständlichkeit in lauten Umgebungen nicht signifikant verändert hat – das Training wirkte vielmehr auf kognitive Aspekte des Hörens und Denkens.
„Unbehandelter Hörverlust zwingt das Gehirn zu dauerhafter Mehrarbeit. Hörgeräte können helfen, diese Belastung zu reduzieren und geistige Ressourcen zu erhalten.“
— Dr. Frank Lin, Johns Hopkins University
Was bedeutet das in der Praxis?
Hörgeräte und Hörtraining sind keine Garantien gegen Demenz, aber sie adressieren zwei zentrale Mechanismen, die mit kognitivem Abbau verknüpft sind:
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Reduktion der kognitiven Belastung – besseres Hören entlastet das Gehirn und macht Alltagssituationen leichter.
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Stärkung kognitiver Funktionen – gezieltes Hör- und Denktraining aktiviert Hirnnetzwerke, die auch für Gedächtnis und Aufmerksamkeit wichtig sind.
Beide Komponenten zusammen – gute Hörversorgung plus Training – können helfen, geistige Fitness länger zu erhalten und den Folgen von Hörverlust entgegenzuwirken.
Das Fazit
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Unbehandelter Hörverlust erhöht das Risiko für kognitive Abnahme.
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Studien zeigen, dass Hörgeräte mit einem geringeren Risiko für kognitive Verschlechterung verbunden sind.
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Hörtraining, wie das Hörwelt-Hörtraining, kann Konzentration, Gedächtnis und subjektives Hören verbessern – und ergänzt die Versorgung sinnvoll.
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Gutes Hören bedeutet mehr als lauter hören: Es bedeutet, aktiv im Gespräch zu bleiben, das Gehirn zu entlasten und Lebensqualität zu stärken.
Quellen:
1. Lin, F. R., Metter, E. J., O’Brien, R. J., Resnick, S. M., Zonderman, A. B., & Ferrucci, L. (2011). Hearing loss and incident dementia. Archives of Neurology, 68(2), 214–220. https://jamanetwork.com/journals/jama/fullarticle/1107455
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4. Deal, J. A., Betz, J., Yaffe, K., Harris, T., Purchase-Helzner, E., Satterfield, S., … Lin, F. R. (2017). Hearing impairment and incident dementia and cognitive decline in older adults: The Health ABC Study. Journal of Gerontology: Medical Sciences, 72(5), 703–709. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/28137714/
5. Péus, D., Schmid, J.-P., Koj, A., Radeloff, A., & Schulte, M. (2025). Increased listening effort: Is hearing training a solution? — Results of a pilot study on individualized computer-based auditory training in subjects not (yet) fitted with hearing aids. Audiology Research, 15(5), 124. https://doi.org/10.3390/audiolres15050124
6. Loughrey, D. G., Kelly, M. E., Kelley, G. A., Brennan, S., & Lawlor, B. A. (2018). Association of age-related hearing loss with cognitive function, cognitive impairment, and dementia: A systematic review and meta-analysis. JAMA Otolaryngology–Head & Neck Surgery, 144(2), 115–126. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/29362290/
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