Schlecht hören, unsicher gehen: Warum Hörverlust das Sturzrisiko erhöht

FRONTIERS ■ Hörverlust beeinflusst weit mehr als das Sprachverstehen – er kann die Fähigkeit, gleichzeitig zu gehen und zu denken, deutlich verschlechtern und damit Sturzrisiko, Selbstständigkeit und kognitive Entwicklung im Alter maßgeblich beeinflussen.

Hörverlust beeinträchtigt Denken und Gehen gleichzeitig

Hörverlust wird seit Längerem als einer der wichtigsten beeinflussbaren Risikofaktoren für kognitiven Abbau im Alter angesehen. Aktuelle Ergebnisse zeigen nun noch klarer, dass eingeschränktes Hören nicht nur das Sprachverstehen betrifft, sondern auch grundlegende Alltagsfunktionen. Besonders bei älteren Menschen mit milder kognitiver Beeinträchtigung wirkt sich Hörverlust offenbar auf die sogenannte Dual-Task-Leistung aus – also die Fähigkeit, gleichzeitig zu gehen und zu denken.

Die zugrunde liegende SYNERGIC-Studie untersuchte Personen im Alter von 60 bis 85 Jahren. Typische Tests bestanden darin, während des Gehens zusätzliche kognitive Aufgaben zu lösen, etwa rückwärts zu zählen oder Tiernamen zu nennen. Schon zu Beginn zeigte sich ein deutlicher Zusammenhang: Menschen mit schlechterem Hörvermögen schnitten bei diesen Doppelaufgaben schlechter ab, gingen langsamer und wiesen eine instabilere Gangweise auf. Diese Effekte waren besonders stark bei Personen mit ohnehin eingeschränkter kognitiver Leistungsfähigkeit.

Erhöhte kognitive Belastung verschlechtert die Gangstabilität

Die Ergebnisse legen nahe, dass Hörverlust die geistige Belastung deutlich erhöht, sobald mehrere Aufgaben gleichzeitig bewältigt werden müssen. Ein möglicher Grund ist, dass ein großer Teil der kognitiven Ressourcen dafür benötigt wird, Sprache – insbesondere unter Hintergrundgeräuschen – zu verstehen. Dadurch fehlt Kapazität für die Kontrolle von Bewegungen. In der Folge verschlechtert sich die Gangstabilität unter Dual-Task-Bedingungen deutlich stärker als in einfachen Situationen. Besonders betroffen sind erneut Menschen mit bereits eingeschränkter kognitiver Leistung. Dies unterstreicht, wie eng Hörvermögen, Mobilität und Demenzrisiko miteinander verknüpft sind.

Training kann Defizite teilweise ausgleichen
Sicherheit in der Bewegung? Eine mitdenkende Technik macht dies nun möglich.
Sicherheit in der Bewegung? Eine mitdenkende Technik macht dies nun möglich.

Ein zentraler Bestandteil der Studie war die Frage, ob gezielte Trainingsprogramme diese Einschränkungen abmildern können. Über 20 Wochen hinweg nahmen die Teilnehmenden an verschiedenen Maßnahmen teil: entweder an einem kombinierten Training aus körperlicher Aktivität und kognitiven Übungen, an rein körperlichem Training oder an einer Kontrollintervention. Dabei zeigte sich, dass insbesondere das kombinierte Training positive Effekte hatte. Vor allem Personen mit stärkerem Hörverlust und eingeschränkter kognitiver Leistung profitierten, etwa durch eine stabilere Schrittfolge – ein wichtiger Indikator für ein geringeres Sturzrisiko. Auffällig waren auch geschlechtsspezifische Unterschiede: Männer zeigten zu Beginn einen stärkeren Zusammenhang zwischen Hörverlust und eingeschränkter Dual-Task-Leistung und profitierten im Verlauf besonders vom Training. Bei Frauen hing der Trainingserfolg stärker davon ab, ob das Hörvermögen objektiv gemessen oder subjektiv wahrgenommen wurde. Dies verdeutlicht, dass beide Formen der Hördiagnostik differenziert berücksichtigt werden sollten.

Insgesamt macht die Studie deutlich, dass Hörverlust kein isoliertes Sinnesproblem ist, sondern zentrale Funktionen des Alltags beeinflusst. Die Fähigkeit, gleichzeitig zu gehen und zu denken, ist eng mit Selbstständigkeit, Sturzprävention und kognitiver Entwicklung verbunden. Gleichzeitig zeigen die Ergebnisse, dass gezielte Trainingsmaßnahmen Defizite zumindest teilweise ausgleichen können. Für die Praxis bedeutet dies, dass Hördiagnostik künftig nicht nur für die Anpassung von Hörsystemen, sondern auch zur Einschätzung funktioneller Risiken im Alltag genutzt werden sollte.

Studie: Downey RI, Petersen BJ, Mohanathas N, Campos JL, Montero-Odasso M, Bherer L, Pichora-Fuller MK, Bray NW, Burhan AM, Camicioli R, Fraser S, Liu-Ambrose T, Lussier M, Middleton LE, Pieruccini-Faria F, Phillips NA and Li KZH (2026) The effect of hearing ability on dual-task performance following multi-domain training in older adults with mild cognitive impairment: findings from the SYNERGIC trial. Front. Aging Neurosci. 17:1716733. doi: 10.3389/fnagi.2025.1716733