Wenn ein Vortrag zum Erlebnis wird: Tinnitus – vom Ohr zum Gehirn

HWB ■ Es gibt Themen, über die man sehr technisch sprechen kann. Und es gibt Themen, bei denen es besonders spannend wird, wenn aus Theorie plötzlich etwas wird, das man selbst erleben kann. Tinnitus gehört für uns genau dazu.

Auf Einladung der Schweizerischen Tinnitus-Liga (STL) durfte der Audiotherapeut und Hörakustiker Andreas Koj am 1.9.2026 einen Vortrag in den Tagungsräumen des Schwerhörigen-Vereins Nordwestschweiz halten. Das Thema: „Tinnitus – vom Ohr zum Gehirn.“ Für uns war das eine besonders schöne Gelegenheit, einmal nicht nur über Hörgeräte oder Audiogramme zu sprechen, sondern über die ganze faszinierende Kette, die unser Hören ausmacht.

Hören beginnt im Ohr – aber endet dort nicht

Die Cochlea im Innenohr nimmt akustische Informationen auf und wandelt sie in neuronale Signale um. Von dort gelangen sie über die Hörbahn in höhere Zentren des Gehirns. Erst dort entsteht das, was wir tatsächlich als Hören erleben. Und genau an diesem Punkt wurde der Vortrag besonders lebendig. Mit Wahrnehmungsphänomenen wie dem McGurk-Effekt oder dem Shepard Tone konnten die Besucher selbst erleben, dass unser Gehirn akustische Informationen nicht einfach passiv übernimmt. Es ordnet ein, ergänzt, interpretiert und verbindet Hören mit anderen Sinneseindrücken und Erfahrungen. Plötzlich wird aus einer abstrakten Aussage ein eigener Aha-Moment: Wir hören nicht einfach nur mit den Ohren.

Was passiert, wenn Information fehlt?
Beim Tinnitus-Vortrag werden komplexe Themen anschaulich erläutert.
Beim Tinnitus-Vortrag werden komplexe Themen anschaulich erläutert.

Besonders spannend wird diese Frage bei einer Hörminderung. Modelle wie das sogenannte Central-Gain-Modell beschreiben, dass das zentrale Gehör auf verminderten oder veränderten akustischen Input reagieren kann.

Im Vortrag wurde das mit einem alten Radio verglichen: Ist der Empfang schlecht, drehen wir lauter. Das gewünschte Signal wird dadurch stärker – aber gleichzeitig tritt auch das Rauschen deutlicher hervor. Eine zweite Analogie machte den Gedanken noch anschaulicher: Eine Kerzenflamme zieht in einem dunklen Raum sofort unsere Aufmerksamkeit auf sich. Im hellen Sonnenlicht ist dieselbe Flamme noch immer vorhanden – aber sie verliert zwischen all den anderen Eindrücken deutlich an Bedeutung. Solche Bilder ersetzen keine Medizin. Aber sie helfen dabei, komplexe Zusammenhänge so zu erklären, dass man sie verstehen und erinnern kann.

Genau das macht solche Vorträge für uns besonders

Als Hörakustiker und Audiotherapeut täglich mit Menschen zu arbeiten, bedeutet nicht nur messen, einstellen und versorgen. Es bedeutet auch, Zusammenhänge verständlich zu machen. Warum belastet derselbe Tinnitus an einem Tag stärker als an einem anderen? Welche Rolle können Hörverlust, Hyperakusis, Stress oder Aufmerksamkeit spielen? Warum ist ein Hörgerät allein noch kein Tinnitus-Konzept? Und weshalb lohnt es sich, nicht nur den Ton, sondern das gesamte Hörerleben zu betrachten? Diese Fragen anhand von Forschung, praktischen Beispielen und kleinen Experimenten zu vermitteln, macht einen solchen Abend auch für den Referenten besonders spannend.

Von der Theorie zur praktischen Arbeit

Im zweiten Teil des Vortrags ging es deshalb um konkrete Fälle aus unserer täglichen Arbeit und um HörBalance. Dabei betrachten wir bei entsprechender Indikation nicht nur den Tinnitus. Auch Hörvermögen, Geräuschempfindlichkeit und subjektive Belastung werden einbezogen. Je nach Situation können Hörversorgung, tinnitusbezogene Programmierung, akustische Stimulation, Hörtraining und wiederholte Anpassungen zu einem gemeinsamen Prozess verbunden werden.

Der entscheidende Gedanke bleibt dabei: Nicht ein einzelnes Gerät steht im Mittelpunkt, sondern der Mensch und sein gesamtes Hörerleben.

Weil die Resonanz so schön war, wiederholen wir den Vortrag

Die Rückmeldungen der Besucherinnen und Besucher beim von der Schweizerischen Tinnitus-Liga organisierten Termin haben uns sehr gefreut. Besonders schön war zu erleben, wie viel Interesse an den Zusammenhängen zwischen Ohr, Gehirn und Wahrnehmung besteht.

Deshalb halten wir den Vortrag nun nochmals in unseren eigenen Räumen:

  • Freitag, 18. September 2026, 14:00 Uhr
  • Montag, 28. September 2026, 15:30 Uhr

Hörwelt Basel, Kanonengasse 19 – Eintritt gratis, Anmeldung erforderlich unter 061 506 21 90 oder ONLINE.